Tierhortung – auf Englisch Animal Hoarding – ist ein Phänomen, das in der Öffentlichkeit wenig bekannt ist, aber erhebliche Konsequenzen für die betroffenen Wohnungen hinterlässt. Wenn viele Tiere über lange Zeit unter unkontrollierten Bedingungen in einem Raum leben, entsteht ein Schadensbild, das sich von normalem Tiergeruch grundlegend unterscheidet – in Ausmaß, Tiefe und dem Aufwand, der zur Sanierung nötig ist.
Dieser Artikel richtet sich an Menschen, die eine solche Wohnung übernehmen oder sanieren müssen – als Vermieter, Nachmieter, Erbe oder als die Person, die eingeräumt und aufgeräumt werden muss.
Was eine Tierhortungs-Wohnung kennzeichnet
In einer normal bewohnten Wohnung mit ein oder zwei Haustieren baut sich Geruch über Jahre auf. Bei Tierhortung ist das Verhältnis ein völlig anderes: Dutzende Tiere, oft in ungesunden Verhältnissen, erzeugen eine Geruchs- und Hygienelast, die sich in Wochen aufbaut, was sonst Jahrzehnte brauchen würde.
Typische Merkmale solcher Wohnungen: Urin und Kot auf allen Oberflächen, tief in Böden, Wände und Decken eingedrungen. Ammoniakkonzentrationen, die chemisch messbarer Schaden an Oberflächen verursacht haben. Parasiten, Schimmel, biologische Substanzen, die sich über die gesamte Wohnung verteilt haben. Und ein Geruch, der nicht nur unangenehm ist, sondern für Unbeteiligte beim Betreten körperliche Reaktionen auslösen kann.
Das ist kein Fall mehr für Eigenreinigung mit Hausmitteln.
Erste Schritte: Sicherheit vor Reinigung
Der erste Schritt in einer solchen Situation ist nicht Reinigen – es ist Einschätzung. Bevor jemand ernsthaft anfängt, sollte klar sein, womit man es zu tun hat.
Hohe Ammoniakkonzentration in der Raumluft ist gesundheitsschädlich. Wer eine stark belastete Wohnung betritt, sollte das nur kurz und gut belüftet tun. Schutzausrüstung – Atemschutz, Schutzanzug, Handschuhe – ist bei einer ernsthaften Begehung keine Übervorsicht, sondern angemessene Vorsicht.
Professionelle Sanierungsfirmen, die auf biologische Kontamination und extreme Reinigungssituationen spezialisiert sind, bieten in der Regel auch Erstbegehungen und Einschätzungen an. Das ist in diesem Fall keine optionale Ergänzung, sondern ein sinnvoller erster Schritt.
Was realistisch auf einen zukommt
Die Schadensbeschreibung klingt abstrakt – in der Praxis bedeutet sie konkrete Maßnahmen, die sich in Aufwand und Kosten von normaler Wohnungssanierung deutlich unterscheiden.
Bodenbeläge. In fast allen Fällen müssen Teppiche vollständig entsorgt werden – sie sind zu tief belastet. Hartböden werden untersucht: Wenn der Urin tief in Dielen oder Estrich eingedrungen ist, müssen Dielen ausgetauscht oder der Estrich komplett erneuert werden. Das ist in schweren Fällen keine Ausnahme, sondern die Regel.
Wände und Decken. Wandputz, der jahrelang Ammoniak ausgesetzt war, kann chemisch verändert sein. In solchen Fällen muss der Putz abgekratzt und erneuert werden, bevor neue Farbe aufgetragen wird. Sperrgrundierungen helfen – aber nur, wenn das darunterliegende Material noch intakt ist.
Leitungen und Hohlräume. Tierurin kann in Fußleisten, hinter Verkleidungen, in Wanddurchbrüche eingedrungen sein. Das sind Bereiche, die man bei normaler Besichtigung nicht sieht, aber die weiter Geruch abgeben, wenn sie nicht behandelt werden.
Schimmel. Hohe Luftfeuchtigkeit und organisches Material sind ideale Schimmelbedingungen. In Tierhortungs-Wohnungen ist Schimmel hinter Möbeln, unter Böden und in Wänden keine Seltenheit.
Kosten und Zeitrahmen
Das ist die Frage, die viele stellen, und eine, die ohne Vor-Ort-Einschätzung nicht seriös beantwortet werden kann. Als realistische Einordnung: Sanierungskosten von 10.000 bis 30.000 Euro für eine mittelgroße Wohnung sind bei schwerer Tierhortungs-Belastung keine ungewöhnlichen Zahlen. Bei sehr starkem Schaden können sie höher liegen.
Der Zeitrahmen hängt davon ab, welche Maßnahmen nötig sind – aber mehrere Wochen bis Monate sind realistischer als Tage.
Wer eine solche Wohnung als Vermieter übernimmt, sollte frühzeitig klären, ob und in welchem Umfang Schadenersatzansprüche bestehen, und im Zweifelsfall rechtliche und fachliche Beratung einholen.
Was man selbst leisten kann – und was nicht
Bei Tierhortungs-Situationen ist der Eigenanteil begrenzt. Was möglich ist: Entrümpelung, Entsorgung von Möbeln und Bodenbelägen, vorbereitende Arbeiten. Was professionelle Dienstleister braucht: chemische Sanierung, Schimmelbehandlung, biologische Dekontamination, spezialisierte Ozonbehandlung, Estrichaustausch, Neuverputz.
Eigentlich ist es umgekehrt als bei normalen Geruchsproblemen: Hier ist professionelle Hilfe nicht die Ausnahme, sondern die Grundlage, von der aus man entscheidet, was man noch selbst beitragen kann.
Einen weiterführenden Überblick über professionelle Geruchssanierung und wann sie sinnvoll ist, gibt der Artikel Professionelle Geruchsbeseitigung beauftragen – wann lohnt es sich wirklich?
